Die Rückgabeforderung des Oba Akenzua II

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In Kunst&Kontext N.13, Juli 2017.

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  Die Rückgabeforderung des Oba Akenzua II Abb. 1: Thron-Hocker dem Oba Eresoyen (ca. 1735-1750) zugeschrieben, Inv.-Nr. III C 20295 (Höhe 40 cm, Ø 40,5 cm)Abb. 3: Thron-Hocker (Inv.-Nr. III C 20295) als Teil der Kriegsbeute im Jahr 1897. Restitutionsorderungen werden derzeit häufig in Ver-anstaltungen und Veröffentlichungen ethnologischer Museen diskutiert. Auch wenn diese Diskussionen in einigen Fällen zu Kooperationsprojekten ühren, bleibt die Umsetzung vieler Ideen doch schwierig. Das zeigt auch das olgende Beispiel. Im National-Archiv 1  in London befinden sich Dokumente („Foreign Office and For-eign and Commonwealth Office records 1935-1943“), die einen sehr rühen und komplexen Fall aus dem Jahr 1935 nachvollziehbar machen. Es handelt sich um zwei Thron-Hocker aus dem Königreich Benin, die bei der Eroberung durch eine englische Straexpedition im Jahr 1897 als Teil der Kriegsbeute das Land verließen (Abb. 3)  .Die beiden Bronze-Hocker (Abb. 1, 2)   haben ähnliche Maße und einen ast gleichen Aubau: Sockel und Sitzfläche sind leicht gerundet und durch stilisierte Schlangen verbun-den. Einige Motive finden sich au beiden Hockern, z. B. ein Frosch und ein grimassierendes Gesicht; allerdings ist der eine (Abb. 1)   reicher ornamentiert. Die Schlangen-körper im zentralen Bereich sind mit Schuppen darge-stellt und die Symbole (als Relie oder Gravur) befinden sich au den Unter- und Oberseiten der Sitzflächen und der Sockel. Irwin Tunis hat 1981 in seiner Studie zu den beiden Objekten deren Material, ihre Herkunf und die Ikonographie ausührlich beschrieben. Außerdem hat Otto Werner 1970 in einem Artikel seine Analyseergebnisse der Legierung der beiden Thron-Hocker (sowie 152 weiterer Benin-Bronze) publiziert. Oba Akenzua II und Lord Plymouth Die ersten Dokumente im Archiv (April 1935) beziehen sich au eine Begegnung im Februar 1935, als Lord Plymouth, damals „Under Secretary o State or the Colonies“ wäh-rend einer Dienstreise durch das englische Kolonialgebiet im Süden Nigerias das Königreich Benin besuchte. Der Herrscher, Oba genannt, hieß Akenzua II (1899-1978) und regierte von 1932 bis zu seinem Tod. Er ragte Lord Plymouth, ob dieser ihm bei der Wiederbeschaffung zweier Thron-Hocker behilflich sein könnte, die bei der englischen Straexpedition beschlagnahmt worden waren.  Zur Geschichte der Thron-Hocker Die beiden Thron-Hocker werden Akenzuas Vorgän-gern Oba Eresoyen (ca. 1735-1750) und Oba Esigie (ca. 1504-1550) zugeordnet 2 . Unter Oba Esigie, der fließend portugiesisch sprach, bestanden regelmäßige Handelsbe-ziehungen mit Portugal. In den Korrespondenzakten des National-Archivs ist erwähnt, dass ein Thron-Hocker von den Portugiesen als Geschenk ür einen Vorgänger des Oba hergestellt wurde.  „Der Stuhl, von dem berichtet wird, dass er einem Vorfahren des Oba von den Portu- giesen geschenkt wurde, ist aus Kupfer gefertigt und mit Applikationen versehen, und in dem Buch von Ling Roth ‚Great Benin; its Customs, Art and Horrors’ auf Seite 112 abgebildet.“  3  Read und Dalton (1899: 6) berichten über die Regierungszeit von Esigie olgendes:  „In der Zeit von 23 KUNST&KONTEXT 1/2017FÄLSCHUNG - KOPIE - VERFÄLSCHUNG - ALTERUNG  Abb. 2: Thron-Hocker dem Oba Esigie (ca. 1504-1550) zugeschrieben, Inv.-Nr. III C 20296 (Höhe 38,5 cm, Ø 40 cm)Abb. 4: Oba Akenzua (Mitte) und Lord Plymouth (rechts) um 1935 in Benin. Esige [sic], als die Weißen kamen, war auch ein Mann namens Ahammangiwa darunter. Er blieb lange Zeit, hatte mehrere Frauen aber keine Kinder, und fertigte Bronzearbeiten und Platten für den König. Dieser gab ihm viele Schüler, damit sie dieses Wissen von ihm lern-ten. Wir können auch heute Bronzearbeiten herstellen, aber nicht so, wie er dies machte, weil er und alle seine Schüler verstarben. Bevor König Esige starb, sandte er einen Mann namens Inoyen in das Land des weißen Mannes mit einigen weißen Männern. Dieser blieb lange und als er endlich wiederkam, brachte er einen Hocker mit und eine Grußbotschaft des Königs der Weißen.“   Die Kunsthistorikerin Barbara W. Blackmun schreibt, dass der Thron mit der Inventarnummer III C 20.296 von Esigie sei, und derjenige mit der Inventarnummer III C 20.295 von Eresoyen (2010: 444) eine Kopie des ersteren sei. Und Paula Girshick Ben-Amos, ebenalls Kunsthisto-rikerin, schreibt zu letzterem, dass er zum Zeitpunkt der Inthronisierung von Eresoyen zwischen etwa 1735 und 1737 entstanden sei (2010: 472). 4 Über den Gebrauch der Thron-Hocker ist wenig be-kannt. Im Buch von Ling Roth, in dem sie, damals noch im Besitz von Ralph Moor, abgebildet sind, finden sich olgende Erklärungen:  „Ob es königliche Stühle waren oder nicht, lässt sich nicht sagen, aber der, auf dem der König saß, als er Leutnant King eine Audienz gewährte, bestand aus Kupfer und war etwa 18 ins [ca. 46 cm] hoch. Der Leutnant erzählt, dass ‚jeder König bei seiner Inthronisierung einen neuen Stuhl erhielt, der dann bei seinem Tod auf sein Grab gestellt wurde. Die Gestaltung des Thrones variierte je nach dem Geschmack des Mon-archen. Einer, den King auf einem Königsgrab sah, wurde von Kupfer-Schlangen getragen, deren Köpfe den Boden berührten und die Basis bildeten.“  5  Ling Roth ergänzt diese Bemerkungen von King durch eine Erklärung, die er von dem Kaumann Cyril Punch (1857-1932) erhalten hatte, der um 1890 regelmäßig Benin City besuchte:  „Cy-ril Punch erinnert sich sehr gut daran, derartige Stücke  gesehen zu haben. Sie lagen in einem der Gehöfte und er schrieb mir, ‚eine Ähnlichkeit zum Delphischen Tripod im Hippodrom von Konstantinopel war beeindruckend. Möglicherweise ist das ein Zufall. Ich gebe nicht viel auf die Erklärung, dass sie einst als Stuhl gebraucht wur-den. Ich versuchte mehrmals von Aguramassi zu erfah-ren, wofür sie gebraucht wurden, aber er lachte immer nur und sagte, dass sie zum Spielen waren.“   (1968: 113) Die Ausührungen des nigerianischen Künstlers und Historikers Sweet Uumwen Ebeigbe zu den aus Holz hergestellten Hockern könnten auch zur Erklärung der Symbole au den Thron-Hockern aus Bronze herange-zogen werden:  „Eine sehr wichtige Funktion der könig-lichen Stühle, die ein tieferes Verständnis der erzählen-den Eigenschaft der Kunstwerke aus Benin geben kann, ist deren Gebrauch durch die früheren Könige Benins als ‚kommunikative Objekte‘, die sie zur Übermittlung verschlüsselter Botschaften in Form von Piktogrammen nutzten. Ein gutes Beispiel ist ein runder Stuhl (erhe)  , der sich heute im National Museum in Benin (Nigeria) befindet und zu diesem Zweck für Oba Eweka II (1914-1933) geschnitzt wurde. In den Archivaufzeichnungen des Museums ist dieser als ‚telegraphischer Stuhl‘ beschrie-ben und es wird berichtet, dass es einer von vielen Stüh-len war, die Oba Eweka II (Regierungszeit 1914 bis 1933) herstellen ließ, um Nachrichten mit seinem Vater Oba Ovonramwen (Regierungszeit 1888 bis 1914) auszutau-schen.“   (2015: 7) 24 KUNST&KONTEXT 1/2017FÄLSCHUNG - KOPIE - VERFÄLSCHUNG - ALTERUNG  Die Suche nach den Thron-Hockern Bei einem Besuch von Lord Plymouth in Benin City im Februar 1935 hatte Oba Akenzua II sein Anliegen vorge-tragen und Plymouth leitete nach seiner Rückkehr in London entsprechende Schritte ein. Aus einem Bericht an das „West Arican Department“ 6  vom 9. April 1935 geht hervor, dass der Oba Abbildungen der Thron-Hocker gesehen hatte 7 , die seinem Großvater einst abgenom-men worden waren, und dass diese im Besitz von Ralph Moor waren. Dem Oba sei sehr daran gelegen die bei-den Throne zurück zu erhalten, vor allem der kleinere der beiden läge ihm sehr am Herzen. Erste Ergebnisse wurden in einer Bibliothek und im Erbschafssteueramt erzielt und ührten zu der Erkenntnis, dass Moor „High Commissioner or the Protectorate o Southern Nigeria“ gewesen und am 14. September 1909 verstorben war. Adrienne Burns, seine Frau und einzige Erbin, verstarb im Jahr 1919 und beerbte eine gewisse Nellie Newbury.Ein Kontakt zu den damaligen Nachlassverwaltern von J. J. Edwards & Co wurde von J.[ohn] Fletcher-Cooke [1911-1989?] hergestellt und erbrachte wenige Wochen spä-ter die Inormation, dass sich bei Lady Moors Tod kein Thron-Hocker im Nachlass beand. Fletcher-Cooke hatte darauhin das „Ethnographical Department“ des „British Museum“ augesucht. Gemeinsam wurde dort estgestellt, dass im Jahr 1909 drei Objekte aus dem Besitz von Moor bei einer Auktion bei Sotheby’s erworben worden waren – leider war kein Thron-Hocker darunter. Der nächste Schritt war daher, das Auktionshaus selbst zu kontaktieren, das wiederum mitteilte, dass die damaligen Auktionskataloge nicht mehr im eigenen Archiv seien, sondern dem British Museum übergeben worden waren. Da im Jahr 1909 etwa 50 Auktionen bei Sotheby’s statt-geunden hatten, erbat der Bibliothekar des Museums ein genaueres Datum ür die weitere Suche. 8 Aus den Monaten Mai und Juni 1935 sind keine Schreiben in den Akten erhalten. Die Korrespondenz beginnt wieder im Juli 1935 und aus dieser ergibt sich, dass in Nigeria auch Captain A. R. A. Dickins, der damalige „Acting Resi-dent“ in Benin City, einbezogen war. Der Oba hatte ihm mitgeteilt, dass er die Thron-Hocker zurück erwerben wollte und bereit sei einen angemessenen Preis zu be-zahlen. 9  Dickins wandte sich an Gerald [Hallen] Creasy (1897-1983), der Lord Plymouth im Februar 1935 während dessen Reise in Westarika 10  begleitet hatte und im „Co-lonial Office“ in der „Downing Street“ arbeitete. In dieser Straße des Londoner Stadtteils Westminster beanden sich der Sitz des Premierministers und des Außenminis-teriums („Foreign Office“). Creasy asste die bisherigen Recherchen zusammen und eruhr von den Mitarbeitern des British Museums 11 , dass Charles Gabriel Seligman (1873-1940), ein Sammler, Anthropologe und Proessor ür Ethnologie an der Universität London, an der besagten Sotheby’s-Auktion teilgenommen hätte. Daher bat er nun einen Bekannten, Hanns Vischer (1876-1945), den Mitbe-gründer des Internationalen Institutes ür arikanische Sprachen und Kulturen in London, den Kontakt zu Selig-man herzustellen, und verwies darau, dass die Thron-Hocker in dem Buch „Great Benin“ von Ling Roth behan-delt und abgebildet sind. Weiterhin schreibt er, dass der  „jetzige Oba ein extrem fähiger und kultivierter Mann ist, und die jetzige Regierung von Nigeria sehr froh sein würde, wenn dessen Wünsche hinsichtlich des Stuhles erfüllt werden könnten.“  12  Von Seligman eruhr Vischer bzw. Creasy, dass über Sotheby’s nicht alle Stücke aus der Sammlung Moor verkauf worden waren, und dass sich Benin-Bronzen in zahlreichen ethnografischen Muse-en beanden, insbesondere in Deutschland bzw. in Berlin. Geradezu enthusiastisch hatten die deutschen Museen um 1900 eine große Zahl von Meisterwerken dieser Kunst er-worben, während die englischen Museen meist nicht über die notwendigen Geldmittel verügten. 13  Seligman verwies au einen Händler bzw. ehemaligen Händler, durch dessen Hände viele der besten Objekte aus West-Arika gegan-gen waren, „who really loves the stuff“: W. O. Oldman.William Ockelord Oldman (1879-1949) ist heute wegen seiner Sammlungen aus Polynesien und seiner Verkaus-kataloge bekannt (Waterfield 2010: 65-76), aber er hatte auch eine Sammlung von Metall-, Holz- und Elenbein-Objekten des Königreiches Benin augebaut, von denen sich heute etwa dreißig im British Museum befinden. 14  Oldman konnte einige entscheidende Hinweise geben. Er war persönlich anwesend gewesen als „Stevens’ Auction Rooms (Covent Garden, London)“ die beiden Thron-Ho-cker versteigerte und erinnerte sich, dass diese von dem Vertreter eines deutschen Museums, vielleicht Berlin, in Die meisten der hier erwähnten Dokumente finden sich im Anhang des Artikels.Über Ralph Benham Raymen Moor (1860-1909) ist in dem Buch von Robert Home, „City of Blood revisited. A new look at the Benin Expedition of 1897“, mehr zu finden. Er hatte während seines etwa zwölfjährigen Aufenthaltes in Westafrika Karriere gemacht. Anfangs im britischen Kon-sulat tätig, war er schließlich „High Commissioner“ des in den Jahren 1900 bis 1903 neu geschaffenen Protekto-rats Süd-Nigeria geworden. Im Jahr 1897 wurde ihm für seine Teilnahme an der Benin-Strafexpedition der Orden „Knight Commander of the Order of St. Michel and St. George“ verliehen; 1903 wurde er aus gesundheitlichen Gründen (Malaria, Schwarzwasserfieber) in den Ruhe-stand versetzt. Moor hoffte auf eine Fortsetzung seiner Karriere in England, die ihm aber verwehrt blieb. Home macht dafür die Methoden von Moor verantwortlich, die er als fragwürdig bezeichnet. Im Jahr 1909, in der Nacht vom 13. auf den 14. September, beging Moor im Alter von 49 Jahren Selbstmord mit Blausäure (1982: xi-xiv). 25 KUNST&KONTEXT 1/2017FÄLSCHUNG - KOPIE - VERFÄLSCHUNG - ALTERUNG  den Jahren 1910 bis 1912 gekauf worden waren. Er ver-wies auch darau, dass in der Zeitschrif „Internationales Archiv ür Ethnographie“ (Vol. XI, S. 241) etwas über sie publiziert ist. 15  Creasy kontaktierte darauhin das Aukti-onshaus Stevens, das jedoch, wie schon Sotheby’s, nichts zum Verbleib der Stücke sagen konnte. 16 In einem Brie vom 19. Oktober 1935 an Lord Plymouth asst Creasy die wesentlichen Schritte der letzten Mo-nate zusammen und kommt zu dem Ergebnis:  „All these enquiries led to a dead end“   (Alle Recherchen ende-ten in einer Sackgasse). Es sei allerdings durch Oldman klar, dass die Thron-Hocker ür ein deutsches Museum erworben worden waren. Creasy erwähnt auch, dass Captain Dickins inormiert sei und bei seiner Rückkehr nach Nigeria Anang Oktober den Oba inormieren würde. Wohl durch diese Nachrichten veranlasst, verasste Lord Plymouth einen sehr persönlichen Brie an Akenzua II, der au den 28. Oktober 1935 datiert:  „Mein lieber Freund, […] es tut mir sehr leid, dass unsere bisherigen Ergebnisse so wenig erbracht haben, aber ich werde versuchen weitere Schritte zu unternehmen, obwohl es sehr unsicher ist, dass wir dabei größeren Erfolg haben werden.“  17  „T󰁥r􀁥, I 󰁡􀁭 󰁡f󰁡i󰁤, 󰁨􀁥 󰁭󰁡t󰁥r 󰁲es 󰁡n󰁤 I 󰁲󰁡󰁬ly d􀁯󰁮‘󰁴 󰁫n􀁯󰁷 w󰁡󰁴 󰁭􀁯r􀁥 􀁷􀁥 c󰁡󰁮 d󰁯.“ - G. Creasy „An dieser Stelle kommen wir nicht weiter und ich weiß wirklich nicht, was wir noch tun können.“ - G. Creasy Das nächste Dokument in der Akte, eine Postkarte vom 5. Februar 1936, stammt von dem deutschen Kunsthisto-riker und Ethnologen Eckart von Sydow (1885-1942), der damit au einen Brie von H. Vischer antwortete 18  und den entscheidenden Hinweis zur Lösung gab:  „In Luschans  ‚Altertümer von Benin‘ (1919) […]  finden sich Hinweise und Abbildungen […] . Handelt es sich nicht überhaupt um die beiden schönen Bronze-Sitze Berlins, die sich bei Luschan reproduziert finden?“   Kurz nach dem Empang eilte Creasy in die Bibliothek des „Royal Anthropological Institute“, um dort endlich die Abbildungen der Thron-Hocker zu entdecken und deren Standort: das Völkerkun-demuseum Berlin. 19 Politisch-administrative Verhandlungen Die Phase der Suche war damit abgeschlossen und es begann ein mindestens ebenso schwieriger Abschnitt, denn es waren politische Stellen in England und Nazi-Deutschland einzubeziehen: au englischer Seite neben dem Colonial Office und dem Foreign Office auch die britische Botschaf in Berlin sowie au deutscher Seite das Auswärtige Amt in Berlin. Lord Plymouth wünschte eine inoffizielle Einschätzung des Foreign Office wie sich die Museumsleitung in Berlin zu der Rückgabe verhal-ten könnte, bevor eine offizielle Anrage an die deutsche Regierung gerichtet würde. Daher bereitete Creasy ein Schreiben vor, das F.[rederick] J.[ohnson] Pedler [1908-1991] 20 , ein weiterer Mitarbeiter des „Colonial Office“, an sein Pendant im Foreign Office, einen gewissen E. E. Cro-we richtete, um ihm die Lage zu erläutern (siehe Fußnote 21). Dieses Schreiben präzisierte erneut den Wunsch des Oba, den er bereits Lord Plymouth gegenüber geäußert hatte: möglichst beide Thron-Hocker zurück zu erhal-ten. Für den Fall, dass nur einer zurückgegeben werden könnte, würde er denjenigen mit der Inventarnummer III C 20.296 bevorzugen. Wenn nötig, würde der Oba nicht nur den Kaupreis zahlen, sondern auch alle entstehenden Kosten übernehmen. Allerdings wäre ihm unklar, welcher Marktwert anzusetzen sei. 21  Creasy gab olgendes zu be-denken: Die deutschen Autoritäten würden im Fall einer offiziellen Rückgabeorderung sicher zuerst von Sydow kontaktieren, und dieser habe bei seinen Reisevorberei-tungen gerade einige Schwierigkeiten mit der Regierung in Nigeria gehabt. Eckart von Sydow plante damals seine Forschungsreise, die er dann im Sommer 1936 realisierte – finanziell unterstützt von dem „Internationalen Insti-tut ür Arikanische Sprachen und Kulturen“ (von Hanns Vischer mitgegründet) und von dem deutschen Mäzen Baron von der Heydt. 22  Die zweite Schwierigkeit sah Creasy in der politischen Situation und ragte, ob der Zeitpunkt nicht etwas ungeeignet wäre, um Kunstwerke aus englischen Kolonien von Deutschland zurückzuor-dern (siehe Fußnote 19).Au den Brie Pedlers an Crowe vom 3. März 1936 ant-wortete mit Schreiben vom 11. Mai 1936 Stephen Gase-lee [1882-1943], ein Mitarbeiter des Foreign Office, und übermittelte die Anmerkungen der englischen Botschaf in Berlin. Diese wollte wissen wie das Berliner Museum die Thron-Hocker erworben hatte. Wenn diese legal bei einer Auktion in England gekauf worden wären, könne die Botschaf nur vorsichtig anragen. Aber wenn die Stücke direkt oder über einen deutschen Erwerber dem Museum gegeben worden wären, dann beände sich die Botschaf in einer sehr viel stärkeren Position. Weiterhin könnte der damalige Kaupreis eine Orientierung ür den heutigen Marktpreis geben. 23  Da das Auktionshaus Ste-vens schon im bisherigen Verlau keine näheren Hinweise gegeben hatte, wandte sich Creasy erneut an Vischer. Dieser antwortete am 18. Mai, dass die Thron-Hocker mit Sicherheit au legale Weise durch das Museum oder einen Beaufragten desselben erworben worden wären und dass Oldman mehr Inormationen zum damaligen Kaupreis geben könnte. 24  Aus dessen Brie vom 22. Mai 1936 erahren wir, dass eine Schätzung schwierig sei, da es sich um einzigartige Stücke handele. Trotzdem nannte Oldman vorsichtig eine Preisspanne von £ 500 bis £ 1.000, bezweielte aber, dass das Berliner Museum eines der Stücke abgeben würde, und machte den Vorschlag eine „galvanoplastischen Kopie“ herzustellen. 25 Am 29. September 1936 lag Pedler die Antwort aus Ber-lin vor: Die Generaldirektion der Staatlichen Museen war nicht bereit die Stühle, die von hohem kulturellen Wert seien, zurückzugeben oder zu verkauen. Akzep- 26 KUNST&KONTEXT 1/2017FÄLSCHUNG - KOPIE - VERFÄLSCHUNG - ALTERUNG  tiert wurde hingegen der Vorschlag ür den Oba Kopien der Thron-Hocker anertigen zu lassen, wenn dieser die Kosten der Herstellung übernehmen würde. 26  Darauhin versuchte Creasy estzustellen, wie viel derartige Re-produktionen kosten würden und Oldmann schlug ihm vor das Berliner Museum zu ragen, ob eventuell eine deutsche Firma diese anertigen könnte. 27  Pedler richtete darauhin am 15. Oktober 1936 eine örmliche Anrage an Gaselee und am Ende des Briees heißt es:  „Lord Ply-mouth, an den der Oba ursprünglich seine Anfrage rich-tete, fühlt sich aus persönlichen und politischen Gründen sehr verpflichtet, dass wir unser bestes geben, um den Oba in dieser Frage zufriedenzustellen.“  28 Thron-Repliken für den Oba Das Angebotsschreiben der Generaldirektion der Staatli-chen Museen in Berlin vom 25. Januar 1937 29  wurde am 27. Februar an Pedler gesandt und die englische Über-setzung von ihm am 18. März an J. A. Maybin („Chie Secretary’s Office, Lagos“) weitergeleitet. 30  Dieser teilte vier Monate später, am 23. Juli, die Antwort des Oba mit: Er benötige ür seine Entscheidung Fotografien der Thron-Hocker. Diese wurden am 17. November 1937 31  an Maybin geschickt und am 23. April 1938 übermittelte G. C. Whiteley („Chie Commissioner, Nigeria Secretariat, Lagos“) an J. B. Sidebotham („Colonial Office“), dass der Oba sich die Herstellung der beiden Thron-Repliken durch die Bildgießerei Hermann Noack 32  ür einen Betrag von 1.492 Reichsmark wünsche, – mit den olgenden In-schrifen unter dem jeweiligen Sockel: III C 20.296: „Oba Akenzua II. Replica o Oba Esigie’s Stool. 1897 Benin Expedition war trophy now in the State Museum in Berlin“.III C 20.295: „Oba Akenzua II. Replica o Oba Eresoyen’s Stool. 1897 Benin Expedition war trophy now in the State Museum in Berlin“. 33 Am 23.[?] Mai gab Sidebotham die Entscheidung des Oba an Stephen Gaselee weiter, der am 1. Juni 1938 ant-wortete, dass die Wünsche des Oba nun der englischen Botschaf in Berlin vorlägen. 34  Am 28. Juli 1938 konn-te Whiteley dann Sidebotham bestätigen, dass  „er [der Oba]  alle Kosten, die mit der Herstellung verbunden sind, übernehmen wird“. 35  Und am 4. November 1938 erhielt Sidebotham die Nachricht, dass die Thron-Repliken ertig wären. Die beaufragten Logistikunternehmer („Crown Agents“) wurden am 10. Dezember darüber inormiert, dass die Repliken den Hamburger Haen am 6. des Mo-nats an Bord des Schiffes „Daru“ verlassen hätten und dass dieses am 6. Januar 1939 Lagos erreichen würde (siehe Fussnote 34). Am 5. Januar 1939 teilte Gaselee Side-botham noch mit, dass die englische Botschaf in Berlin den Staatlichen Museen einen Gesamtbetrag von 1.582 Reichsmark gezahlt habe, davon 90 RM ür die vom Oba gewünschten Inschrifen. 36  Hier schließen die Akten und so ist auch nicht überlieert, ob Oba Akenzua II mit der Qualität der Thron-Repliken zurieden war. Au jeden Fall ist sicher, dass die Geschich-te seiner Rückgabeorderung damit nicht endete. Eine zweite Rückgabeforderung Am 17. Juni 1943 schrieb der als „Squadron Leader“ der Royal Air Force in Nigeria vorübergehend anwesende Philip Guedalla [1889-1944] an einen N. Sabine („Colonial Office“), dass er im Mai desselben Jahres Benin besucht und bei einem Gespräch mit dem „Resident“ olgendes erahren hatte: „ Es scheint, dass die Deutschen unrecht-mäßig an zwei Metall-Hocker von besonderer religiöser Bedeutung gelangt sind, die sich jetzt in einem Berli-ner Museum befinden.“  37  Der Oba hätte diese niemals reiwillig abgegeben und Benin habe ür zwei Thron-Repliken £ 130 bezahlt. Guedallas Vorschlag war, dass das Colonial Office diese „heiligen Objekte“ in eine Liste von Kunstwerken aunehmen könnte, die nach dem Krieg von den Deutschen zurückzugeben seien. Da auch der „Resident“ diesen Vorschlag gut and, habe er die Idee dem Oba am olgenden Tag vorgetragen und dieser hätte geantwortet, dass ihn die Rückkehr der beiden Thron-Hocker sehr glücklich machen würde. Der Oba habe da-rauhin Guedalla und dem  „Resident eine längere und  gründlichere Führung durch seine Residenz mit ihren historischen Schätzen gewährt, als bis dahin irgendei-nem anderen Residenten oder vergleichbarem Mitglied der Kolonialverwaltung“   (siehe Fußnote 37). Abschlie-ßend stellte Guedalla est, dass die ästhetischen Bedür-nisse in Berlin sicher auch durch die Repliken beriedigt werden könnten. Au den 12. Juli datiert die Antwort des Colonial Office, dass der Oba bereits seinen Wunsch nach Rückgabe der Thron-Hocker geltend gemacht habe. Weiterhin wurde dargelegt, dass der Staatssekretär sehr um die Erüllung dieses Wunschs bemüht sei, aber dass die Objekte nicht so betrachtet werden könnten wie andere, die von den Deutschen im Laue des Krieges geraubt worden seien. Die einzige Möglichkeit wäre eventuell ein Ankau, aber der Preis der Thron-Hocker sei nicht unerheblich und das Berliner Museum würde seine im Jahr 1936 geäußerte Position wohl nicht ändern. Das Colonial Office empahl daher das Ende des Krieges abzuwarten und beendete das Schreiben mit: „everything possible will be done when the time comes“. 38  In seiner Antwort vom 17. Juli 1943 bestätigte Guedalla diese Einschätzung von Sabine und mit diesen Dokumenten enden die Akten. 39 27 KUNST&KONTEXT 1/2017FÄLSCHUNG - KOPIE - VERFÄLSCHUNG - ALTERUNG
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